Schulprogramm        
          
           
           
  2 RAHMENBEDINGUNGEN


2.1 Informationen zur Willi-Kraft-Schule

Die Willi-Kraft-Schule (W-K-S) wurde im Herbst 1992 nach ihrem ehemaligen Schulleiter (1964 - 1977) Willi Kraft benannt. Willi Kraft hat die von ihm erdachte Großmotorische Lautgebärdenmethode weiterentwickelt, die es lernschwachen Kindern erleichtert, das Lesen zu erlernen.

Die Schülerinnen der Willi-Kraft-Schule kommen aus Wilhelmsburg und von der Veddel. Im Schuljahr 1999/2000 werden 132 Kinder (90 Jungen, 42 Mädchen), davon 64 Schülerinnen ausländischer Herkunft in 11 Klassen (Klasse 1 - 9) unterrichtet. Die Einbettung in den Stadtteil bringt es mit sich, dass an unserer Schule viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Bei vielen Schülerinnen besteht das Problem, dass sie sowohl die Sprache ihrer Eltern als auch die deutsche Sprache nur eingeschränkt beherrschen.

In unseren vergleichsweise kleinen Klassen sind 8 bis maximal 15 Kinder zusammen. Der Unterricht findet nicht nur im Klassenverband statt, sondern auch in Teil-, Förder- oder klassenübergreifenden Gruppen. In bestimmten Fächern kann es von Vorteil sein, nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten (z.B. Gesundheitserziehung, Computer, Sport). Jungen und Mädchen bleiben in einer gemeinsamen Klassengemeinschaft, trennen sich aber für bestimmte Unterrichtszeiten.

Wenn die Schülerinnen bis zum Ende der Vollzeitschulpflicht (9 Schuljahre) bei uns bleiben, erhalten sie das Abschlusszeugnis oder ein Abgangszeugnis der Förderschule. Neben der Rückschulung auf die Hauptschule gibt es auch die Möglichkeit in besonderen Klassen in einigen Förderschulen oder in Berufsvorbereitungsklassen an der Gewerbeschule das Ziel der Hauptschule zu erreichen. Nach der 9. Klasse besuchen die meisten unserer Schülerinnen spezielle Berufsvorbereitungsmaßnahmen des Arbeitsamtes oder der Schulbehörde, die in der Regel Förderschülerinnen offen stehen. Hier lernen sie mehrere Berufsfelder kennen. Viele machen ihren Hauptschulabschluss. Nach der ein- oder zweijährigen Berufsvorbereitung beginnen die Schülerinnen häufig eine Ausbildung.
Unser Kollegium besteht aus 20 Lehrerinnen; 13 davon haben eine sonderpädagogische Ausbildung. Viele Lehrerinnen an unserer Schule haben neben ihrer Ausbildung für Unterrichtsfächer und besondere pädagogische Herausforderungen Zusatzqualifikationen, die es ihnen ermöglichen Erziehungsschwierigkeiten mit einem besonderen Verständnis zu betrachten und professionell zu bearbeiten. Viele Lerninhalte können in Fachunterricht erteilt werden: Musik, Englisch, Informationstechnische Bildung, Hauswirtschaft, Bildnerisches Gestalten, Werken, Technik, Textiles Werken, Schwimmen, Sport. Darüber hinaus werden Musik- und Sprachtherapie durchgeführt. Für Kinder türkischer Muttersprache können wir speziellen Unterricht anbieten, der von einer Lehrerin mit derselben Muttersprache erteilt wird. Für die Verwaltungsarbeit steht uns eine Schulsekretärin mit 20 Wochenstunden zur Verfügung. Außerdem gehören zu unserem Schulteam ein Hausmeister und seine Ehefrau.

Unser Schulgelände liegt am Assmann-Kanal. Durch u-förmig angeordnete Flachbauten wurde ein attraktiver gartenähnlicher Innenhof gestaltet. In den Ursprungsgebäuden befinden sich neun Klassenzimmer mit Gruppenräumen, ein Sprachlabor, ein Musikraum, zwei Werkräume, ein Verwaltungstrakt u.a. mit Lehrerzimmer und Schulküche. Zur Schule gehören eine Gymnastikhalle und ein Gewächshaus. Ein kleiner Sammlungsraum wird als Computerraum, der Gruppenraum vom Sprachlabor als Fachraum für Textiles Werken genutzt. Der Materialsammlungsraum muss zur Hälfte als Raum für Förderunterricht herangezogen werden. Auf dem Schulgelände wurden weitere zwei Container-Pavillons aufgestellt mit insgesamt vier Klassenräumen, einem Gruppenraum, einem Therapieraum und einem Beratungsraum. Des weiteren steht der Willi-Kraft-Schule ein Container mit Wanderkanadiern und Paddelbooten zur Verfügung. Seit Herbst 1998 kann ein Pavillon wegen Schadstoffbelastung nicht genutzt werden. Deshalb müssen ein Werkraum und ein Therapieraum als Klassenräume fungieren. Der Beratungsraum und ein Gruppenraum stehen nicht mehr zur Verfügung. Durch den Wegfall des Pavillons ist besonders der Unterricht in der verlässlichen Halbtagsschule Sonderschule beeinträchtigt. Außerdem fehlen uns dringend:
1 Arztzimmer
1 Pausenhalle / Frühstücksraum
1 Arbeitslehreraum (Physikraum)
1 Archivraum


2.2 Aufnahmeverfahren

Bevor Schülerinnen auf unsere Schule kommen, erfolgen vielerlei Kontakte mit der Schulleitung der meldenden Schule, den Lehrerinnen und den Eltern des Kindes. Bei türkisch sprechenden Familien werden diese Kontakte durch eine Lehrerin mit türkischer Muttersprache unterstützt. Die Schule oder die Eltern stellen einen Antrag auf Überprüfung der Sonderschulbedürftigkeit eines Kindes. Anschließend wird ein Intelligenztest (HAWIK-R oder S.O.N.) durchgeführt. Unterrichtsbesuche in der Regelschule erfolgen, wenn dies organisatorisch ermöglicht werden kann.

Geben der Test, die Beobachtungen im Unterricht und die Gespräche mit den Lehrerinnen der Regelschule Hinweise auf eine umfängliche Lernstörung des Kindes, so erfolgt eine Einladung zu einem Probeunterricht. Im Verlauf des Probeunterrichts wird ein zweiter Intelligenztest (CFT1/CFT20) durchgeführt. Der Probeunterricht wird an fünf Tagen von zwei Pädagoginnen durchgeführt, in Ausnahmefällen nimmt das zu überprüfende Kind ca. 3 - 4 Wochen am regulären Unterricht in einer dem Alter entsprechenden Klasse teil. Wir sind bemüht, den Lehrerinnen des Probeunterrichts (Gruppenprüfung) zusätzlich Gelegenheit zu geben, auch Beobachtungen im Unterricht der Regelklasse zu machen.

Nach Beendigung des Probeunterrichts werten die beiden Sonderschulpädagoginnen die Aufzeichnungen und Beobachtungen aus und fertigen ein Sonderpädagogisches Gutachten mit einem Vorschlag an die Schulaufsicht für die weitere Schullaufbahn des Kindes an. Die Eltern werden zu einem Gespräch eingeladen, in dem ihnen der Inhalt des Gutachtens ausführlich erläutert wird.


2.3 Unterricht in der Unter- und Oberstufe

Wir haben an unserer Schule keine feststehende Trennung zwischen Grund-, Mittel- und Oberstufe. Die Lerninhalte unserer Unterstufe (Klasse 1 - 6) reichen in die Oberstufe (Klasse 7 - 9) hinein und bleiben teilweise bis zur Schulentlassung Unterrichtsgegenstand.

Der Schulalltag hat folgende Stunden- und Pausenordnung:
Beginn für alle Klassen: 8.00 Uhr
Block I 8.00 -- 9.30
Aktive Pause 9.30 -- 10.00
Block II: 10.00 -- 11.30
Aktive Pause 11.30 -- 11.55
Block III: 11.55 -- 13.25

Die Kinder der Klassen 1 - 4 werden täglich bis 12.40 Uhr in der Schule betreut (VHSSO). Bedingt durch die Festlegung der Schwimmzeit und der zeitaufwendigen Bewältigung des Hin- und Rückweges kann der Unterricht auch später enden.

Die Willi-Kraft-Schule verfügt über ein umfangreiches Angebot an Spielgeräten und -materialien, die sich die Schüler in jeder Pause ausleihen können. An einigen Tagen können die Schülerinnen in der ersten Pause Frühstück kaufen. Zusätzlich bieten wir unterrichtsergänzende Angebote am Nachmittag an.

Unsere Schule ist aber wesentlich mehr als Unterricht in geschlossenen Klassenräumen. Regelmäßige Feste, Teilnahme an sportlichen, bildnerischen und musikalischen Wettbewerben, Theater- und Konzertbesuche und viele andere besondere Unternehmungen ergänzen den Unterricht. Einmal im Jahr findet eine Projektwoche statt.


2.3.1 Unterricht in der Unterstufe

Die Schülerinnen, die an den Anforderungen der Grundschule gescheitert sind, erhalten in der Unterstufe der W-K-S die Möglichkeit eines schulischen Neubeginns. Durch Wahrnehmungsförderung und andere basale Übungen werden Lernvoraussetzungen geschaffen. In allen Lernbereichen wird in individuell angemessenen, kleinen Schritten gearbeitet. Besonderer Wert wird dabei auf Handlungsorientierung und Anschaulichkeit gelegt.

Da unsere Schülerinnen nur in sehr kurzen Sequenzen konzentriert arbeiten können, ist es erforderlich, sehr flexibel auf ihre Lernbedürfnisse und -möglichkeiten einzugehen. Eine 45-minütige Unterrichtseinheit ist eine " akademische Maßeinheit" und für die Praxis ohne Bedeutung. Selbst ein dezidierter Plan gibt nicht wieder, was tatsächlich an einem Unterrichtstag geschieht. Es wird in der Regel täglich gemeinsam gefrühstückt. Dabei lernen die Kinder zwischen gesunder und ungesunder Ernährung zu unterscheiden. Immer wieder müssen die Regeln des täglichen Miteinanders geübt und besprochen werden. Der Erwerb sozialer Kompetenzen ist Unterrichtsprinzip.

Der Unterricht beginnt zumeist mit einem "Morgenkreis". Der Begriff Unterricht ist sehr facettenreich, er schließt lebenspraktische, sachunterrichtliche, mathematische, sprachliche und musische Lerninhalte ein. Mit einem grundlegenden Lehrgang, unterstützt durch großmotorische Gebärden lernen die Schülerinnen mit allen Sinnen Lesen und Schreiben. Ebenso werden durch gezielte Wahrnehmungsförderung grundlegende mathematische Fähigkeiten angebahnt und erworben. Elemente des offenen Unterrichts finden vermehrt Einlass in die Gestaltung des Schultages. Auf diesem Wege werden die Schüler an mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Zusammenarbeit herangeführt. Klassenübergreifende Projekte unterstützen diese Zielsetzungen.

Die Bewegungserfahrungen unserer Schüler sind häufig sehr eingeschränkt. Seit vielen Jahren wird an einem Schultag in der Turnhalle eine Bewegungslandschaft aufgebaut, die vorrangig der Unterstufe zur Verfügung steht. Bewegungserfahrungen haben außerdem einen großen Stellenwert im gesamten Unterricht.


2.3.2 Unterricht in der Oberstufe

Ausgangspunkt und Schwerpunkt für das Lernen bleibt auch in den oberen Klassen der Unterricht im Klassenverband. Neben intensiver Förderung in den grundlegenden Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens gibt es ein Lernangebot, das sich an den Neigungen und besonderen Interessen der Schülerinnen ausrichtet und nach ihren individuellen Möglichkeiten differenziert wird. So lassen wir die älteren Schülerinnen in vorhabenorientierten Formen mit Ernstcharakter andere Erfahrungen machen, als dies im herkömmlichen Klassenunterricht möglich ist. Zur Zeit gibt es in diesem Sinne einen Mittagstisch, der von einer Oberstufenklasse verantwortet wird. Denkbar wäre auch eine "Frühstücksgruppe," die Einrichtung eines durch Schülerinnen betriebenen Schulkiosks und eine Ausdehnung des Mittagstisches.

Der Unterricht im Klassenverband wird ergänzt durch Lernen in kleinen Förder- und Teilgruppen und durch ein umfangreiches Angebot an klassenübergreifenden Arbeitsgemeinschaften. Die Bandbreite reicht von unterrichtsergänzenden und -vertiefenden Inhalten bis zu freizeitorientierten Lernangeboten, von der kleinen Lesegruppe für Oberstufenschülerinnen über den Pop-Kurs bis hin zur Tanz- und Kletter-AG.

Eine besonders intensive Förderung soll durch die Einrichtung klassenübergreifender Lerngruppen für leistungsstärkere Schülerinnen erreicht werden. Eine Gruppe von Lehrerinnen arbeitet an der inhaltlichen und organisatorischen Umsetzung eines Vorhabens, das den Schülerinnen eine intensivere Vorbereitung auf weitergehende Schulabschlüsse sowie den Berufsschulunterricht und die Berufsausbildung ermöglichen soll. Eine Lerngruppe in Mathematik hat begonnen, andere Fächer sollen folgen.

Ein weiterer Schwerpunkt für die oberen Klassen liegt in der berufsorientierenden und -vorbereitenden Arbeit. Neben Themen aus dem Bereich Arbeitslehre werden die Schülerinnen auf unterschiedlichen Wegen auf die Zeit nach der Schule vorbereitet:
· Betriebserkundungen führen aus der Schule hinaus und erlauben gezielte Einblicke in die Arbeitswelt.
· Mehrfache Praktika ab der 8. Klasse sollen den Zugang zu unterschiedlichen Berufsfeldern und Bereichen des Arbeitslebens öffnen.
· Berufsberatung durch das Arbeitsamt findet bereits in Klasse 8 in der Schule statt.
· Bewerbungs- und Vorstellungssituationen werden im schulischen Rahmen trainiert.

Zur Zeit gehört weiterhin zur berufsorientierenden und -vorbereitenden Arbeit an unserer Schule der Unterricht an einem Tag in der Woche im Rahmen der Gewerbeschule 18 im metall- und holzverarbeitenden Bereich.


zu Kapitel 1.
zu Kapitel 3. Laufende Massnahmen und ihre Perspektiven